Was du noch hoffen kannst

„Was du noch hoffen kannst, das ward noch stets geboren“, schreibt der Barockdichter Paul Fleming in seinem Sonett „An sich“.
Eine große Verheißung! Man mag bezweifeln, ob sie sich für Fleming selbst bewahrheitet hat, denn er erreichte zwar schon zu Lebzeiten Ruhm als Dichter, starb aber bereits mit 30 Jahren, bevor er, wie gehofft, heiraten und sich als Arzt niederlassen konnte.
Auffällig bei vielen Gedichten zum Thema Hoffnung ist, dass sie von einer bedrängten, ja verzweifelten Situation ausgehen, der dann die Hoffnung entgegengesetzt wird. So bei Theodor Fontane als Schluss des Gedichts „Zerstoben sind die Wolkenmassen“: „Das alte, liebe, böse Hoffen – Die Seele lässt es einmal nicht.“
In Schillers Gedicht „Hoffnung“ wird zwar zunächst das menschliche Rennen nach „bessern künftigen Tagen“ eher kritisch betrachtet, doch letztlich wird die Hoffnung als entscheidende Lebenskraft des Menschen anerkannt, die auch durch den Tod nicht widerlegt wird: „Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.“
Hoffnung ist keine passive Haltung, sie fordert Aktivität heraus. Schon bei Paul Fleming heißt es: „Tu, was getan muss sein, und eh man dir’s gebeut“ (gebietet).
Ein beeindruckendes zeitgenössisches literarisches Dokument, wie Arbeit, geradezu besessene Arbeit, einem Menschen Hoffnung gibt, der weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat, ist Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“. Ursprünglich ein digitales Tagebuch für seine Freunde, in dem Herrndorf die Tage seit der fatalen Diagnose „Glioblastom“ (ein unheilbarer Gehirntumor) im März 2010 dokumentiert, veröffentlicht er das Tagebuch selbst noch als Blog. Nach seinem Tod wurde es dann in Buchform herausgegeben.
Die dreieinhalb Jahre bis zu seinem Tod sind Herrndorfs produktivste Zeit, er schreibt den großen Jugendroman „Tschick“, den Kriminalroman „Sand“ und „Bilder deiner großen Liebe“, einen unvollendeten Roman um eine Nebenfigur aus „Tschick“, das Mädchen Isa.
Aber am packendsten ist für mich „Arbeit und Struktur“. Herrndorf erzählt schonungslos von den Anfällen und Ausfällen, die der Tumor bei ihm bewirkt, den Operationen und Chemotherapien.
Am 6.1.2011 notiert er: „Mit der Diagnose leben geht, Leben ohne Hoffnung nicht“.
Seine „Bilanz eines Jahres“ am 28.3.2011 lautet: „Ein Jahr in der Hölle, aber auch ein tolles Jahr. Im Schnitt kaum glücklicher oder unglücklicher als vor der Diagnose, nur die Ausschläge nach beiden Seiten größer. Insgesamt vielleicht sogar ein bisschen glücklicher, weil ich so lebe, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind.“ So viel kann Hoffnung!
Um seinen Freunden und sich selbst den völligen Selbstverlust durch die Krankheit zu ersparen, setzte er am 26. August 2013 seinem Leben selbst ein Ende, da es keine Hoffnung mehr gab.
Herrndorf war kein gläubiger Mensch. Seine Hoffnung richtete sich auf das Leben, wie sein am 5.4.2011 notiertes Gedicht zeigt:
„So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein
Ich will mein Leben tanzen
Ihr Lächeln, das ich nie vergessen werde
Ein Lachen, das nie verging
Die goldene Schaukel im Regenbogen
Wenn sie lachte, hatte ich Hoffnung
Einladung in den Himmel
Flieg mit den Vögeln
Mutti, ich hab‘ noch nicht Tschüs gesagt
Arbeit und Struktur“.