Tempo, Tempo! Zeit ist Leben

Straßenschild in Regensburg (Ausschnitt)

Straßenschild in Regensburg (Ausschnitt)

© Michael Hänsel/Pixelio

„Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

Mann mit Kind auf Spaziergang an einem Bach entlang

Zeit ist Leben. Diesen Satz aus dem Buch „Momo“ von Michael Ende würde Paulus sofort unterschreiben. An die Menschen der Hafenstadt Korinth schreibt er aber zunächst missverständliche Worte: Die Zeit ist kurz! (1. Korinther 7,29)

Paulus spricht nicht von der mess­baren Zeit. Im Griechischen steht hier nicht chrónos. Das Wort kennt man vom
Chronometer. Das Leben in der hoch technisierten Informations- und Kommunikationsgesellschaft wirkt wie ein Teilchenbeschleuniger. Mit Terminplanern und einem ordentlichen Zeitmanagement versuchen wir, immer mehr messbare Zeit zu sparen. Die Work-Life-Balance muss stimmen. Mit Clouds und Smartphones werden Termine zentralisiert und sind von überall zugänglich und griffbereit. Selbst im Urlaub kann man am Strand immer noch die eine oder andere Mail beantworten. Und das alles, um vermeintlich messbare Zeit zu sparen.

Aber Paulus sagt: Nicht die messbare Zeit ist kurz. Er verwendet hier den Begriff kairós für Zeit. Kairós ist anders als chrónos eine andere Qualität von Zeit. Kairós ist dynamische, erfüllte Zeit, Glückszeit, Zeit des Heils, Heilszeit –
unabhängig von dem, was Uhren und Terminkalender sagen. Wie eine Blase wächst und verdichtet sich die erfüllte Zeit in dem einen und alles entscheidenden Moment, der unser aller Leben verändert. Paulus meint: Der erfüllte Zeitpunkt ist knapp vor seiner Erfüllung. Bald, liebe Leute, werdet ihr sehen, dann ist es so weit.

Was ist so weit? Paulus glaubte an eine extreme Naherwartung. Genauso lebte er. Und genauso predigte er und gründete Gemeinden in einem irrsinnigen Tempo in der damals bekannten Welt. Schon bald kommt Jesus wieder. Dann wird sich alles verändern. Alles, was zu dieser Welt gehört, alles, was uns in dieser Welt klammert und bindet, wird verwandelt werden: Ehe und Beziehung, Trauer und Freude, Reichtum und Armut, Besitz und Verlust, Krieg und Frieden, das Wesen der Welt. Jesus kommt bald wieder. Dann ist er da, der Kairos, die Fülle der Zeit.

Doch wenn wir Christen eines gelernt haben im Laufe unserer zweitausendjährigen Geschichte, dann dies, und zwar mit voller Wucht: Paulus hatte aus unserer schnelllebigen Perspektive Unrecht. Es sollte noch lange dauern, bis Jesus wiederkommt. So lange, dass viele, wenn sie ehrlich sind, nicht mehr wirklich daran glauben. Wir haben uns eingerichtet in unserem Leben, mit allem, was wir besitzen und uns erarbeitet haben.

Paulus würde darauf erwidern: Genießen, aber nicht festhalten! Mach dich davon frei, dein Lebensglück in rein weltlichen Dingen zu suchen. Genieße sie, aber halte sie nicht fest. Unsere Lebensbestimmung kommt vom lebendigen Gott her. Die Heilszeit kommt auf uns zu. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber sie kommt. Und mit ihr kommt etwas, jemand, der das Wesen dieser Welt und uns alle verwandelt. Christus kommt auf uns zu, wenn die Zeit erfüllt ist. Dann ändert sich alles. Die Neuschöpfung beginnt. Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Und bis dahin: Genießen, aber nicht festhalten!

Pfarrer Dr. Harald Knobloch