Barmherzigkeit sticht

Gedanken zur Jahreslosung

Was für ein Jahr! Beherrscht von einem Wort, das man schon gar nicht mehr aussprechen, geschweige denn schreiben mag. Täglich springt es uns an, aus den Medien, aus dem Mund von Politikern, von Freunden und Verwandten. Unseren Alltag hat es durcheinandergewirbelt, weltweit, und scheint nicht damit aufhören zu wollen.
Gerne bezeichnen wir Menschen uns als die „Krone der Schöpfung“. Anfang 2020 steckten wir voller Pläne und sahen zumeist hoffnungsfroh in die Zukunft. Und dann das: Da kommt dieses unberechenbare Virus daher und setzt der Krone der Schöpfung eine Dornenkrone auf, die nicht nur Leid, Tod und wirtschaftliche Unsicherheit bringt, sondern auch breite Schneisen in die bequeme Routine unseres Daseins schlägt.
So leicht lässt sich die Krone nicht wieder abschütteln! Ihre Dornen sitzen tief und haben unterschiedliche bösartige Auswirkungen. Wir, die „Krone der Schöpfung“, spüren auf empfindliche Weise, wie uns die Selbstbestimmung immer mehr aus der Hand genommen wird und wir zu Statisten in einem globalen Thriller werden.
Mit der Jahreslosung 2021 vor Augen sinne ich darüber nach, wo sie denn abgeblieben ist, die Barmherzigkeit des Vaters. Hat er uns aus den Augen verloren? Ist sein Augenmerk auf Neues gerichtet?
Womöglich auf die Gestaltung einer neuen Welt, einer, die weniger Egoismus und Gewinnsucht zur Schau trägt?
Der Vater verliert uns nicht aus den Augen. Er lässt seine Barmherzigkeit durch uns wirken. Durch fleißige Hände, wie die, die gerade in den ersten manischen Wochen des Hortens unermüdlich gearbeitet haben. Durch Menschen, die nachbarschaftliche Hilfe organisiert haben, Menschen mit Engagement und zahlreichen Ideen, wie Not zu lindern ist. Durch die, die auch weiterhin unerschrocken und oft bis zur totalen Erschöpfung ihre Fähigkeiten einsetzen, um zu helfen, um Leben zu retten.
Seine Barmherzigkeit äußert sich in unserer Bereitschaft, unseren Mitmenschen mit Achtung, Aufmerksamkeit
und Liebe zu begegnen. Mit dieser gigantischen Krise erhalten wir die Chance,
unser Handeln zu überdenken, Fehler zu korrigieren, unser Leben als Teil einer
Gemeinschaft unter dem Aspekt der Liebe und Barmherzigkeit neu zu lernen und wertzuschätzen und dabei einen nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen und unserer Umwelt zu pflegen.
Aus diesem Ansatz heraus kann es Hoffnung geben für ein Jahr, in dem wir die Barmherzigkeit Gottes in uns gedeihen lassen und weitergeben. Hoffnung auf ein ruhigeres neues und dennoch spannendes Jahr. Ein Jahr, in dem wir auch feiern dürfen, fröhlich und gemeinsam mit Freunden und Familie, jedoch im Bewusstsein unserer verletzlichen Immunität und der Zerbrechlichkeit der Gemeinschaft und deshalb rücksichtsvoll und in Liebe zu unseren Nächsten. Ein Jahr, in dem wir die Jahreslosung 2021 tatsächlich leben: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

Text: Dorothea Rose